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Dummheit, Gesundheit Read this post in English

Pflanzen im Schlafzimmer – die grüne Bedrohung!

Achtung: Lebensgefahr!

Achtung: Lebensgefahr!

Wie oft wird man nicht von irgendwelchen altklugen, gesundheitsbewußten Hausfrauen darüber belehrt, daß man im Schlafzimmer auf gar keinen Fall Pflanzen aufstellen darf, weil sie einem nachts den wertvollen Sauerstoff einfach so „wegatmen“! Wenn man nach entsprechenden Begriffen googelt, stößt man zu gefühlten 90 % auf Leute, die von dieser Behauptung felsenfest überzeugt sind. Erschreckend, bei wie vielen es anscheinend an simpelster Logik mangelt: Es ist doch bekannt, daß sehr viele Menschen trotz aller Warnungen Pflanzen im Schlafzimmer stehen haben und sich dennoch nach wie vor bester Gesundheit erfreuen. Sollte diese Tatsache nicht eigentlich Gegenbeweis genug sein?

In der verzweifelten Hoffnung, den albernen Mythos ein wenig abschwächen zu können, will ich nun eine Rechnung aufstellen. Es stimmt zwar, daß Pflanzen nachts keinen Sauerstoff produzieren, sondern nur verbrauchen; doch reicht dieser Verbrauch – wenn überhaupt – maximal an den eines Menschen heran.[1] Deshalb schauen wir uns jetzt mal den Sauerstoffverbrauch eines Menschen an.
Stellen wir uns ein 3 x 3 m großes Zimmer mit 2 m Deckenhöhe vor. Das Volumen dieses Zimmers beträgt 3 x 3 x 2 = 18 m³. Das bedeutet, es befinden sich 18.000 Liter Luft in diesem Raum. Von diesen 18.000 Litern sind etwa 21% Sauerstoff und 0,04% Kohlenstoffdioxid.[2] (Der Rest besteht aus anderen Gasen, die uns nicht interessieren.) Es befinden sich also 3.780 l Sauerstoff und 7,2 l Kohlenstoffdioxid im Raum. Im Diagramm sieht das etwa so aus:

Sauerstoff- und CO2-Gehalt der Luft

Sauerstoff- und CO2-Gehalt der Luft

Jetzt stellen wir uns vor, daß ein Mensch in unserem imaginären Zimmer übernachtet. Er schläft 8 Stunden lang, wobei er pro Minute etwa 18 Atemzüge mit einem Volumen von 500 ml macht.[3] Er „veratmet“ also insgesamt 4320 l Luft; die restlichen 13.680 l im Raum bleiben unverändert. In der Ausatemluft sind nur noch 16% Sauerstoff, dafür aber 4% Kohlenstoffdioxid enthalten. Unsere Person atmet also insgesamt 691,2 l Sauerstoff und 172,8 l Kohlenstoffdioxid aus. Addiert man diese Werte wieder zu den 13.680 Litern unveränderter Luft, so ergibt sich für das ganze Zimmer ein Sauerstoffgehalt von 3.564 l (19,8%) und ein CO2-Gehalt von 178,27 l (0,99%). Nach 8 Stunden Schlaf einer einzelnen Person in einem kleinen Zimmer sieht die Verteilung daher wie folgt aus:

Sauerstoff- und CO2-Gehalt nach 8 Stunden Schlaf einer Person in einem kleinen Zimmer

Sauerstoff- und CO2-Gehalt nach 8 Stunden Schlaf einer Person in einem kleinen Zimmer

Der Unterschied schockiert. Kein Wunder, daß immer wieder Menschen im Schlaf an Sauerstoffmangel sterben. Ganz besonders in Elternschlafzimmern, Jugendherbergen und sonstigen Mehrpersonen-Schlafgelegenheiten kam es schon häufig zu überraschenden Toden, die vermeidbar gewesen wären, wenn nur endlich eine großflächige Aufklärung über den immensen nächtlichen Sauerstoffverbrauch betrieben würde. (Ironie Ende.)

Und jetzt im Ernst: Ein paar kleine Pflanzen im Schlafzimmer werden der Luft auf keinen Fall mehr Sauerstoff entziehen als wir selbst es im Schlaf tun (und selbst dann wären in unserem Beispielzimmer immer noch 18,6 % Sauerstoff übrig). Ein Lebenspartner, der neben uns im Bett schläft, stellt für unsere nächtliche Atemluft eine weitaus größere Bedrohung dar als eine Pflanze. Wenn überhaupt, dann sollte man also zuerst mal den rausschmeißen. :P

Es gibt noch ein weiteres Argument, das ich recht witzig finde: Wenn der Sauerstoffbedarf von Pflanzen in der Nacht tatsächlich so hoch wäre wie immer behauptet wird, dann müßte man ja bei einer Nachtwanderung im Wald sofort ersticken. :P Und jetzt viel Spaß beim Begrünen des Schlafgemachs!



Kommentare

  1. 7. November 2011
    15:52 Uhr

    Ginchen flag

    Wow, that was elaborate! Thanks for your thoughts on this matter! :D

    You’re right, the feeling of suffocation comes from too much CO2 rather than too little O2. However, what I tried to prove wrong was the myth that plants steal our O2, so that’s why I didn’t really focus on CO2 so much. :)

  2. 1. November 2011
    21:07 Uhr

    Rob flag

    I found this page because I’ve just moved from one tiny bedroom, where I’d hooked up a fan to blow air in under the door, to another tiny bedroom where I haven’t. Much like I did before I hooked up the fan I now find I’m feeling spaced out the next day… and I’m wondering if dropped O2 or increased CO2 could be the reason.

    Trusting your figures, you’ve shown a 1.2 % absolute drop in O2 levels which on the face of it is pretty small. But then I also found this study http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0034568798000681 on high altitude adaptation which showed that a 24 % absolute O2 level (using your baseline that would be a 3 % increase over ambient) had all sorts of measurable effects on the study subjects.

    In addition, while your CO2 level goes from 0.04 % to 0.99 % absolute, a tiny change, that’s a 25-fold relative change. IIRC, it’s the level of CO2 in the blood that causes feelings of suffocation, not an absence of O2 – which is why you can pass out if you hold your breath after hyperventilating : the hyperventilation flushes all the CO2 from your system, and you subsequently run out of O2 before CO2 levels rise high enough to prompt you to take another breath. This suggests to me that relatively high levels of CO2 might have more impact on physiology than their tiny absolute levels would imply. I don’t have any data to back this up however : it’s just a hunch :)

    I’m aware that air turnover hasn’t been taken into account here, and usually runs, IIRC, about 1 air change every 3–4 hours even in a tightly sealed room. Still… that’s half the night.

    Anyway, so while none of this makes me in any way doubt that your conclusion about plants is correct, it does make me think I’ll be setting up that fan to blow in under my door again sometime pretty soon [yeah I could leave the door open, but it’s doing a job keeping out noise]. Thanks for doing the calculations :)

  3. 7. September 2011
    21:46 Uhr

    Ginchen flag

    Du hast recht, darüber habe ich gar nicht so sehr nachgedacht. Der Post entstand ja wie gesagt, weil ich mich darüber aufgeregt habe, dass alle immer denken, die Pflanzen würden den ganzen Sauerstoff aufbrauchen. An CO2 habe ich dabei nicht gedacht.

    Aber trotzdem: Wenn eine Person eine Nacht in meinem imaginären Raum verbringt, sind am Morgen 0,99 % CO2 in der Raumluft. Heißt das jetzt etwa, daß diese Person sich damit schon selbst schadet, weil der Wert ja über die unbedenklichen 0,3 % steigt? ;) Muß ich jetzt nachts immer das Fenster öffnen, selbst wenn ich allein und ohne Pflanzen schlafe? :D

  4. 7. September 2011
    15:52 Uhr

    Sven flag

    Hey die Rechnung hinkt ein bisschen, da für die Beurteilung der Atemluft auch der CO2 Gehalt beachtet werden muss. Wobei bis 0,3 % CO2 Gehalt keine Bedenken bestehen. Bei 1 % merkst du erste Beeinträchtigungen und 8 % sind binnen 30–60 min tödlich. Soll nicht allgemein gegen Schlafzimmerpflanzen sein aber in dem Raum aus deinem Beispiel würde ich mir keine reinstellen bzw. dann halt immer Nachts das Fenster kippen. Grüße Sven

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