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Geschichte vor der Haustür & die Erbschuld

Eifgenbach-Talsperre

Heute habe ich nach langer Zeit mal wieder die alte Talsperre am Eifgenbach besucht, die nur wenige Kilometer von hier entfernt im Wald liegt. Sie wurde 1906 gebaut und diente, soweit ich weiß, einem großen Teil von Burscheid für viele Jahre als Trinkwasserlieferant. Es ist bestimmt schon fast zehn Jahre her, daß ich zum letzten mal dort war. Damals war ich auf einem umgestürzten Baum über den Bach ans andere Ufer balanciert und hatte zu meiner großen Überraschung ein Hakenkreuz aus kleinen weißen Kieseln entdeckt, die in den Beton des Wehrs eingesetzt waren. Ich war begeistert, ein kleines Stückchen Geschichte quasi direkt vor meiner Haustür gefunden zu haben.

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Doch als ich heute dort ankam, mußte ich enttäuscht feststellen, daß irgend jemand meine Begeisterung wohl nicht teilte: offensichtlich hatte man versucht, das Hakenkreuz mit einem Meißel zu entfernen oder zumindest unkenntlich zu machen. So etwas kann ich nicht verstehen. Ganz gleich, welche negativen Assoziationen man mit diesem Zeichen auch immer verbinden mag – es bleibt dennoch nichts weiter als ein Zeichen. Die Leute tun ja immer geradezu so als wäre das Symbol des Hakenkreuzes vor hundert Jahren mit irgendeiner bösen magischen Energie aufgeladen worden, mit der es uns jederzeit wieder in seinen schrecklichen Bann ziehen könnte, wenn man es nicht schnell genug entfernt.


Zerstörtes Hakenkreuz an der Talsperre

Nun, wenn heutzutage Rechtsradikale mit Spraydosen Hakenkreuze an die Wände schmieren, dann ist das natürlich etwas anderes, aber hierbei handelt es sich immerhin um ein Stück Geschichte, um einen kleinen neuzeitarchäologischen Schatz. Es liegt nun einmal in der Natur der Sache, daß Bauten aus der Zeit des Nationalsozialismus hin und wieder auch mit entsprechenden Symbolen versehen sind – aber muß das denn gleich in einen Scheideweg zwischen Moral und historischem Interesse münden? Nur weil wir ein geschichtsträchtiges Symbol an einem Bauwerk nicht entfernen, bedeutet das doch nicht automatisch unsere Zustimmung zum Nationalsozialismus.

Wir Deutschen leben, was dieses Thema betrifft, mit einer völlig übertriebenen Moralität und wohl auch Angst vor Wiederholung. Diese Angst wird auch von offizieller Seite her geschürt: Ständig wird uns eingeredet, daß wir als Deutsche eine historische Schuld tragen, beinahe so etwas wie die Erbsünde. Ein Beispiel: Joschka Fischers Rede auf der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Sachsenhausen.[1] Darin heißt es:

Mit dem Menschheitsverbrechen der Shoa bleibt der Name unseres Landes für immer verbunden. Wir Deutsche können, dürfen und werden uns dieser Verantwortung niemals entziehen.

(…)

Das schulden wir Ihnen und Ihrem Leid und das schulden wir den Toten und ihrer Erinnerung.

Um es mal ganz klar auszudrücken: Dadurch, daß ich im Jahr 1982 in Leverkusen (und nicht 100 km weiter westlich in Holland oder Belgien) zur Welt gekommen bin, habe ich automatisch eine Teilschuld an einem 50 Jahre vor meiner Geburt geschehenen Massenmord auf mich geladen. Wie dreist mußten meine Eltern eigentlich sein, mich mit diesem Wissen noch in ein weißes Taufkleid zu stecken? Aber Spaß beiseite. Ich fühle mich, wie viele junge Deutsche, an dieser Stelle ein bißchen verarscht. Damit man mich nicht falsch versteht: Ich bin durchaus der Meinung, daß man weiterhin Erinnerungs‑ sowie Aufklärungsarbeit leisten sollte. Selbstverständlich sollten wir für das Thema sensibilisiert bleiben, aber alles hat seine Grenzen – man kann unmöglich von uns erwarten, uns für Dinge zu verantworten, die unsere Großeltern oder sogar Urgroßeltern getan haben. Die einzige Verantwortung, die man jungen Deutschen aufbürden kann, ist die, einer Wiederholung des Geschehenen in Zukunft vorzubeugen.

Die allgemeine Übervorsicht und Übersensibilisierung für das Thema Nationalsozialismus ist, wie Harald Martenstein es einmal treffend bezeichnete, „eine deutsche Neurose (…), die Theorie, daß in uns allen eine Nazibestie steckt, die bei jeder Gelegenheit rauskommen kann, wenn man irgendwas liest oder irgendetwas druckt oder sich über irgendetwas informiert.“[2] Und genauso dachte offenbar der Hakenkreuz-Wegmeißler vom Eifgenbach. Schade.

Räderwerk der Schleuse

Wobei die Zukunft der Talsperre momentan sowieso in der Schwebe hängt: Bereits seit 2000 wird aus ökologischen Gründen die Schleifung des Bauwerks geplant, u. a. weil der Stauraum inzwischen längst versumpft ist und die Fischtreppe, die Fischen weiterhin das Wandern stomaufwärts ermöglichen sollte, ihren Zweck nicht erfüllt. Dieses Vorhaben, das 2006 endgültig beschlossen wurde, schmerzt anscheinend nicht nur mich. Von verschiedenen Seiten hagelt es Proteste, aber auch Alternativvorschläge.[3] [4] [5] [6] [7]
Mich persönlich würde es natürlich freuen, wenn man das Wehr nur in der Mitte abtragen würde anstatt es vollständig zu schleifen. Andererseits – mit der blödsinnigen Zerstörung des Hakenkreuzes hat es sowieso schon einen Großteil seines Geschichtswertes verloren.



Kommentare

  1. 28. März 2011
    12:41 Uhr

    Dom flag

    Hui , solch schöne Flecken gibt es bei dir …und ich dachte das Highlight wäre die Aral Tanke *g

    Naja, aber zum Thema : Ich denke auch, das es ein wenig übertrieben ist dieses Kreuz zu entfernen mit der Begründung dort könnte eine Pilgerstätte entstehen. Die Leute die einen solch ruhigen Fleck als solches missbrauchen wollen , könnten genauso gut ihre Symbole mitbringen und sich an der Aura dieser Gemäuer ergötzen…

    Nunja, aber so sieht jeder solch Taten aus einer anderen Perspektive.

  2. 17. Mai 2009
    12:38 Uhr

    matze flag

    erbschuld……….
    danke das du sagst was soooo viele denken.
    ein zeichen mit einer so vielfältigen geschicht,aus so vielen ländern und epochen zu benutzen um sich mal wieder schlecht zu fühlen und zu entschuldigen,ist echt zum kotzen.
    ich bin froh das es menschen wie dich gibt !!

  3. 3. November 2008
    18:32 Uhr

    Ginchen flag

    Danke für den aufschlußreichen Kommentar – das ist immerhin eine Erklärung, wenngleich sie mich auch nur wenig überzeugt. Ich persönlich halte es nach wie vor für eine Überreaktion. Nach meinem Empfinden überwiegt der historische Wert diese Befürchtungen um ein Hundertfaches. Für mich war das ein kleiner unwiederbringlicher Schatz, dessen Zerstörung mir im Herzen wehtut, wenn ich es mal so pathetisch ausdrücken darf.

  4. 2. November 2008
    18:57 Uhr

    Hans Acker flag

    Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem die Brut einst kroch …

    Das Hakenkreuz wurde nicht „einfach so“ entfernt, Erbschuld hin oder her:

    „Aufgeflogen war die fünfköpfige „Kameradschaft“, die sich erst im August dieses Jahres gegründet hatte, als sie einen Zeitungsbericht über das alte Stauwehr im Eifgental samt Fotos für ihre Homepage missbraucht hatte. Das Hakenkreuz aus der NS-Zeit, das am Gemäuer des Wehres angebracht ist, wird in dieser Woche entfernt (wir berichteten). Somit will man verhindern, dass dort eine Pilgerstätte für Neonazis entstehen könnte“ (WZ, http://www.wznewsline.de/sro.php?redid=131183#)

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